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Mediales

Manche denken bei dem Begriff Medium an Print-, AV-, Massen- und sonstige Medien, manche an Personen, die Verbindung zur Welt der Toten, Geister, anderen Dimensionen herstellen. Und gelegentlich zeigt sich, wie nah das Eine dem Anderen ist, also uns die uns von Journalisten übermittelten Impressionen offenbar aus einer anderen, nicht unserer gewohnten Welt stammen.

 

Da stand im Starkenburger Echo am 26. Juli 2014 ein Kommentar, in dem am Rande auch die Geschichte des Martin Buber Hauses in Heppenheim erwähnt wurde. Und zwar so:

„Zerstörung drohnte auch dem Haus, in dem Martin Buber von 1916 bis 1938 mit seiner Familie gelebt hatte. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg: Eigentlich sollte es abgerissen und damit die wertvollen Spuren verwischt werden, die der Religionsphilosoph an der Bergstraße hinterlassen hat. Das Buberhaus wurde aber rechtzeitig vom Kreis Bergstraße gekauft, der es seitdem in vorbildlicher Weise dem Internationalen Rat der Christen und Juden (ICCJ) unentgeltlich zur Verfügung stellt.“

Aha. Da muss es ein Paralleluniversum geben, auf das sich dieser Text bezieht. In der etwas tristeren Welt, in dem ich lebe, hat der Kreis Bergstraße sich als Nutznießer der nationalsozialistischen Judenverfolgung das Gebäude bei einer Zwangsversteigerung unter den Nagel gerissen, die stattfand, weil der glücklicherweise inzwischen in Palästina lebende Martin Buber die ihm auferlegte Reichsfluchtsteuer nicht zahlen konnte. Nachdem der Kreis Bergstraße das Haus dann – nicht unbedingt immer in vorbildlicher Weise – über Jahrzehnte für Verwaltungseinrichtungen wie die Kfz-Zulassungsstelle genutzt hatte, wollte er es Anfang der 1970er Jahre abreißen, um nicht nur die Fläche des zugehörigen Gartens, sondern auch die des Hauses für den Neubau des Landratsamts zu nutzen. Verhindert wurde dies dadurch, dass – nun tatsächlich in vorbildlicher Weise – zwei Menschen aus Heppenheim, Margarete Exler und Werner Wirth, bürgerschaftlichen Widerstand gegen dieses Ansinnen organisierten und damit letztlich Erfolg hatten: Das Haus wurde unter Denkmalschutz gestellt (natürlich nicht auf Betreiben des Kreises, sondern auf Veranlassung des Ministers Krollmann). Worin der Autor des Echos vermutlich recht hat: Martin Buber hat an der Bergstraße nicht mehr Spuren hinterlassen als die, in Heppenheim zeitweilig Besitzer eines Hauses gewesen zu sein.

 

Mit der Bedeutung philosophischer Tätigkeit ist es ja generell so eine Sache. Am 23. August 2014 konnte man im Deutschlandfunk ein Interview hören, in dem ein Vertreter der verbeamteten kritischen Sozialwissenschaft sich dazu äußerte, warum man in Frankfurt am Main eine Tagung abhielt zum Thema: Critical Theory, Film And Media: Where Is Frankfurt Now? „Frankfurt“ stand in dem Titel natürlich für die Frankfurter Schule, mit deren akademischer Hinterlassenschaft sich noch immer gelegentlich Angehörige akademischer Berufe beschäftigen. Der vom DLF Befragte ließ die Zuhörerschaft dann auch wissen, welche für die scientific community unschätzbare Bedeutung das sozialwissenschaftlich-philosophische Schaulaufen hatte. Was auch sonst.

Es liegt schon einige Jahre zurück, dass ich (mehrfach und erfolglos) versucht habe, den Mannheimer Kommunismusforscher Hermann Weber für einem Vortrag in Heppenheim zu gewinnen. Ich erinnere mich gut eines Telefongesprächs, in dem mir der damals bereits emeritierte, ungeachtet dessen aber weiter sehr arbeitsame Politikwissenschaftler erzählte, wie sehr es ihn grade in Anspruch nehme, eine wissenschaftliche Tagung vorzubereiten. Er gab sich bezüglich des Missverhältnisses zwischen Aufwand und wissenschaftlichem Ertrag keinen Illusionen hin, aber so funktioniere das Geschäft nun mal: Zum Forschen brauche man Geld, und dafür wollten die Förderer dann eine möglichst öffentlichkeitswirksame Tagung sehen.  Ja, so ging und so geht das. Immerhin durfte früher das Tagungsthema  in deutscher Sprache erscheinen.

 

Die Berichterstattung zu der Flugzeugkatastrophe vom 24. März 2015 war an Widerlichkeit kaum zu übertreffen. Für mich ist dabei besonders bemerkenswert, dass sich „meine“ Süddeutsche Zeitung nicht wesentlich besser verhielt als ein x-beliebiges Revolverblatt. Chefredakteur Kurt Kister begründete in der wöchentlichen E-Mail an Abonnenten, weshalb man die Trauernden zum Thema gemacht und den Namen des für die Tragödie eventuell verantwortlichen Copiloten (so genau wusste man ja zunächst noch nicht, was die Ursache des Absturzes war) genannt hatte. Nicht mal das ärmlichste aller Argumente blieb einem da erspart, nämlich der Verweis darauf, dass die anderen Medien doch dasselbe taten. Der Tiefpunkt war dann die Gleichsetzung des Copiloten mit dem Terroristen Anders Breivik. ---  Dass die Chefredaktion ihr Verhalten noch mehrmals zu rechtfertigen versuchte, weil so viele Leser von ihrer Zeitung enttäuscht waren, ist der einzige Lichtblick bei dieser Geschichte.

Nachtrag:

Am 12. Juni 2015 berichtet die Süddeutsche Zeitung auf Seite 3, was die Ermittlungen zu der Katastrophe vom 24. März so alles über den Copiloten erbracht haben, nämlich „dass vieles von dem falsch war, was über […] verbreitet wurde. Tatsächlich meldete er sich keineswegs mit dem martialischen Benutzernamen ‚Skydevil‘ an seinem Computer an. Von einer angeblichen Freundin, die sich in der Presse meldete und angeblich mit ihm auf Langstrecken unterwegs gewesen sein will, fehlt jede Spur. Die Ermittler sind sich sicher: […] hat keine Langstreckenflüge gemacht. Und auch der Absturzort in den Alpen war offenbar keineswegs bewusst gewählt, jedenfalls hat weder […] Familie dort – wie immer wieder berichtet – Urlaub gemacht, noch war […] selbst zum Segelfliegen da gewesen. Diese Liste der erfundenen Geschichten, der Irrtümer, der Fehldeutungen ist noch länger: Seine Lebensgefährtin war nicht schwanger, er hatte offenbar keinen Liebeskummer, und die angebliche bipolare Störung, über die oft berichtet wurde, hat kein Arzt bei ihm diagnostiziert. Es fanden sich auch in seiner Wohnung keine Bücher oder Geschichten über Flugzeugabstürze.“ Es fand sich demzufolge aber in der Berichterstattung auch der Süddeutschen Zeitung jede Menge Stuss und Phantasterei.

 

G 36 ist, wie wir alle inzwischen gelernt haben, die Bezeichnung für das Standard-Gewehr der Bundeswehr. Es hat offenbar den Nachteil, dass es in „heißem“ Zustand nicht mehr treffsicher ist, wobei unter „heiß“ nicht nur die aus dem Abgeben vieler Schüsse sich ergebende Wärmeentwicklung sondern bereits das Aufheizen durch längere Sonneneinstrahlung zu verstehen ist. Tatsächlich dürfte unbestreitbar sein, dass ein Gewehr, das nicht treffsicher ist, seinen Zweck verfehlt und im Einsatz nicht nur für die damit umgehenden Soldaten eine Gefahr darstellt. Die Möglichkeit, dass mangels Treffgenauigkeit der auf einen Terroristen gezielte Schuss eventuell dreihundert Meter weiter einen am Brunnen stehenden Zivilisten tötet, macht einen doch besorgt. Aber es gibt natürlich bei der Sache doch Aspekte, die dem naiven Konsumenten erst durch die Durchblicker in den Medien offenbar werden. Da erzählte z.B. ein Kommentator im Deutschlandfunk, man müsse bedenken, dass dieses Gewehr angeschafft wurde, als die vielen Auslandseinsätze der Bundeswehr noch nicht vorhersehbar waren. Was ja so sein mag, aber was sagt uns das? Dass für kriegerische Konflikte im NATO-Bereich Gewehre ausreichend wären, mit denen man nicht treffsicher schießen kann? Ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung macht uns darauf aufmerksam, dass die Verteidigungsministerin und ihr Vorgänger die aussichtsreichsten Kandidaten für die Nachfolge der Kanzlerin wären und die Ministerin deshalb ein Interesse daran habe, den Gewehr-Skandal aufzudecken, den ihr Vorgänger untern Teppich gekehrt hatte. Auch das mag ja sein, hat aber doch nichts damit zu tun, dass dieser blöde Schießprügel nix taugt. Manche Journalisten sind beim Schließen eben so treffsicher wie das G 36 beim Schießen.

 

Im Verlag C. H. Beck erscheint eine Zeitschrift mit dem unschönen Namen „myops. Berichte aus der Welt des Rechts“, deren Logo ein höchst widerliches Insekt darstellt (nämlich myops, die Stechfliege, auch Bremse genannt). In Heft 24, erschienen im Mai 2015, findet sich ein schöner Aufsatz von Benjamin Lahusen: Seit Olims Zeiten; Der Doktorgrad und das Paßwesen: Stationen einer deutschen Rechtsgeschichte. Darin geht es um die lächerlichen Verrenkungen, die angestellt wurden, um Doktorgrade in Pässe und Personalausweise einzutragen (bzw. diesen Unfug aufrechtzuerhalten). Nicht ohne Ironie wird da die Auffassung behandelt, der akademische Grad eines Doktors sei nicht tatsächlich, wohl aber irgendwie doch sowas ähnliches wie ein Namensbestandteil. So weit, so gut zu lesen. Wenn man dann mal nachsieht, was über die Autoren der Beiträge dieser Ausgabe neben dem Impressum geschrieben steht, dann sieht man beispielsweise aufgeführt:

ULF P. BÖRSTINGHAUS, Dr. jur., Richter am Amtsgericht Dortmund und Lehrbeauftragter an der Universität Bielefeld oder BENJAMIN LAHUSEN, Dr. jur., Universität Rostock. Aber am Ende dieser alphabetisch geordneten Liste steht: DR. INGRID WALTER-MEINIG, Dr. jur., Rechtsanwältin, Frankfurt am Main.

Ist das nicht schön?

 

Auf der Startseite der Web-Ausgabe findet man beim Mannheimer Morgen immer eine Übersicht der aktuellen Meldungen. Am 21. Juni 2015 gehörte ein tödlicher Verkehrsunfall zu diesen Aktualitäten:

 

 

 

 

Den Hinweis auf die "Fotostrecke" hätte man vielleicht noch etwas konkretisieren können. So weiß der Leser ja gar nicht, ob es auch Blut, einen Leichnam, womöglich abgetrennte Gliedmaßen oder ähnliche Attraktionen zu sehen gibt.

 

 

 

 

 

 

Journalisten müssen ganz schön clever sein. Gut recherchieren. Ergebnisse „hinterfragen“. Unterschiedlichste Quellen nutzbar machen. All sowas. Marc Beise zeigte am 14.11.2015 im Wirtschaftsteil der SZ, wie toll er das kann. Im quellenden Schaum seines blasenreichen Optimismus‘ ob der wunderbar vielen Flüchtlinge, die unseren Arbeitsmarkt bereichern, taucht ein kluger Gedanke auf: „Das Allerwichtigste ist nun das Erlernen der deutschen Sprache. Wer die Landessprache nicht spricht, wissen die Soziologen, bleibt im Verhältnis zu den Einheimischen ein Außenseiter.“ Alle Achtung! Wie gut, dass es Soziologen gibt, die solche Erkenntnisse gewinnen, und brillante Journalisten, die uns daran teilhaben lassen. Dass gelegentlich auch Menschen, die in Deutschland geboren wurden und aufgewachsen sind, die Landessprache nur sehr unbeholfen gebrauchen, steht sicher auch bei irgendwelchen Soziologen zu lesen. Vielleicht stößt Herr Beise ja noch auf dieses Forschungsergebnis. Das Thema bleibt ihm und uns schließlich noch eine Weile erhalten.

 

Es gibt etwas, das heißt „Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung“. Und es gibt die dazugehörige Zeitschrift mit dem Namen „Spectrum“. Sogar schon im 20. Jahrgang. Das Heft 2/2015 hat das Schwerpunktthema Gleichstellung und enthält ein Interview mit der Germanistin und Anglistin Michaela Blaha: Sprachliche Gleichstellung der Geschlechter. Diese Dame äußert, es „sollte mit der sprachlichen Gleichstellung nicht allzu dogmatisch umgegangen werden.“ An anderer Stelle erwähnt sie dann auch noch, dass manche Studien zu Sprache und Rollenverhalten aus den 60-er und 70-er Jahren „handwerkliche Fehler“ aufweisen. Was ist da passiert? Wie konnte diese Frau an der Gleichstellungsbeauftragten mit dem Prädikatsexamen in Genderologie vorbeikommen und sich ins Blatt schleichen? Jetzt kann frau sich nicht mal mehr auf die Polizei verlassen.

 

Zu den Vorteilen von Anzeigenblättchen gehört, dass dort meistens der Blödsinn so abgedruckt wird, wie die mitteilsamen Lieferanten ihn in die Mailbox abgeworfen haben. Inklusive aller Belege mangelhafter Sprachkenntnisse. Oder unzureichender Denkfähigkeit. Da stand z. B. in der Bergsträßer Anzeigen Zeitung vom 9. Dezember 2015 ein Bericht „Einblick in die Arbeit; SPD-Stadtverordnetenfraktion sieht Gesamtkonzept für die Gestaltung des Brunnens skeptisch“. Der interessierte Leser erfährt darin: „Dass die städtische Finanzplanung für 2017 Mittel für die Umgestaltung des Brunnens vorsieht, wird zwar grundsätzlich befürwortet. Kritisch erscheint…“ Ja, kritisch erscheint dem Leser, dass er leider nicht erfährt, von welchem Brunnen die Rede ist. Entschädigt wird er aber durch die Bildunterschrift:

 

 

 

 

Es ist ja wahr, die Heppenheimer SPD und ihre wackeren Kandidaten werden nie mehr weiter kommen, als politische Ämter zu begleiten. Und zwar in gehörigem Abstand. Dass von ihnen jemand ein Amt bekleiden könnte, dies als Möglichkeit auch nur zu formulieren scheitert bereits am unzureichenden Wortschatz.

 

Es gibt Menschen, die sind so sehr von ihrer eigenen Edelmütigkeit durchdrungen, dass sie vor lauter Borniertheit nichts besseres wissen, als solche anderen zu unterstellen. Ein schönes (?) Beispiel war in der Süddeutschen Zeitung vom 6. Februar 2016 zu lesen: Das Interview mit Barbara John, CDU-Politikerin und 1981 erste Ausländerbeauftragte in Berlin. Darin findet sich dies:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Muss man das kommentieren? Dass die Metzgerinnung natürlich borniert ist, weil sie keine Auszubildenden und später Gesellen haben will, die aus religiösen Gründen kein Schwein anfassen? Ist es für Frau John vorstellbar, dass dann halt die Kundschaft gefälligst aufs Schweinefleisch verzichtet und sich den religiösen Diätvorschriften des Islam anpasst? Wer, bitte, fordert hier von anderen Anpassung?

 

Am 19. Februar 2016 informierte der Deutschlandfunk in seinen 17 Uhr-Nachrichten über den Tod der Schriftstellerin Harper Lee. Zu Person und Werk der Verstorbenen erwähnte man ihren einzigen veröffentlichten Roman „Wer die Nachtigall stört“. Es wäre sicher ganz nützlich, beim DLF die Dateien mit den vorbereiteten Nachrufen gelegentlich zu aktualisieren. Auch Nachrichtenredakteure mit einem Mindestmaß an literarischem Interesse könnten zur Peinlichkeitsprävention beitragen. Das würde heftiges Fremdschämen auf Seiten der Hörer verhindern.

 

"Speyer. Ein 30-jähriger Mann ist am Donnerstagmittag tot am Altrhein in Speyer aufgefunden worden. Wie die Polizei am Freitag mitteilte, ergab die Obduktion, dass der Mann aus Römerberg einem 'Gewaltverbrechen' zum Opfer gefallen war."

Wenn jemand gewaltsam zu Tode gebracht wird, heißt das im Mannheimer Morgen vom 24. Juni 2016 „Gewaltverbrechen“. Mit Anführungszeichen. Das wirft die Frage auf: Ist der Mannheimer Morgen eine „Zeitung“?

 

Das da fand sich am Morgen des 3. Juli 2016 auf der Startseite von web.de:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kann es sein, dass irgendein Kriegsberichterstatter der Wehrmacht noch lebt und in der zuständigen Online-Redaktion einen Posten gefunden hat? Nach diesem Anreißer habe ich mir natürlich das Weiterlesen geschenkt. Es ging vermutlich darum, wer aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft das Ritterkreuz und wer nur das EK I bekommen soll.

Und die Hectors werden immer mehr. Während die Politische Korrektheit arge Verrenkungen vollführt, um irgendwie durch Berührung mit dem Bösen kontaminierte Wörter aus der Sprache zu entfernen, verbreitet sich die Heldenhaftigkeit in rasender Geschwindigkeit. Dass im „Starkenburger Echo“ jemand als Held gefeiert wird, weil er Straßenmüll einsammelt, ist da nur ein Beispiel, die „Sozialhelden“ von Unitymedia (mir aufgefallen am 25. Februar 2018) sind ein anderes. Das Wort „Held“ kann ja mehrerlei meinen: Eine besonders tapfere Person („Kriegsheld“) oder die Hauptperson eines Romans, Theaterstücks, Films usw., und schließlich gibt es noch den Held als Wichtigtuer („Weiberheld“, „Maulheld“). Aber was ist ein „Sozialheld“? Jemand, der unter Soziophobie leidet und sich trotzdem ins Getümmel stürzt? Ein zum Lebensunterhalt auf Transferleistungen angewiesener tapferer Mensch? Oder einfach jemand, für den die kreativ ausgetrockneten Werbefuzzis von Unitymedia keinen passenden Begriff gefunden haben?

 

Zu dem, was (mutmaßlich) alles am Silvesterabend 2015 in Köln zwischen Dom und Hauptbahnhof geschehen ist, hat man in nahezu allen Medien mehr gehört oder gelesen als einem lieb sein konnte. Am 15. Juli 2016 hat der Deutschlandfunk um 19.15 Uhr dazu ein „Dossier“ gesendet:  Silvester in Köln oder: Making of Apokalypse 2.0, von Walter van Rossum. Die meiste Zeit ärgere ich mich ja, dass ich mit den obligatorischen Rundfunkgebühren jeden Tag so viel Schwachsinn mitfinanzieren muss. Wie schön, dann mal zu erleben, wie wenigstens mit einem kleinen Teil des Geldes richtig guter Journalismus produziert wird.

 

Und immer wenn ich in meiner Süddeutschen Zeitung mal ein paar Beispiele für guten Journalismus gelesen habe und mal ein mit seinem Blatt zufriedener Abonnent bin, dann machen sie solche Sachen:

Am 29. März 2017 schrieb Nico Fried auf Seite 6 unter der Überschrift „Der falsche Freund“: „Der neue SPD-Chef empfing Hamon nun in aller gebotenen Höflichkeit und in fließendem Französisch. Schulz war als Fraktionsvorsitzender in Straßburg einst quasi Vorgesetzter des EU-Abgeordneten Hamon.“ So stellt man sich die Arbeit von Parlamentariern im schlimmsten Fall vor: Der Fraktionsvorsitzende ist ihr Vorgesetzter und damit ja wohl weisungsberechtigt und befugt zu sagen, wo es langgeht. Irgendwie war mit Demokratie doch wohl was anderes gemeint.

Am 30. März 2017 schrieb Stefan Kornelius auf Seite 4 unter der Überschrift „Der Preis der Freiheit“: „Frei wollen sie sein, die Briten, frei von Regeln und vermeintlichen Gängeleien aus Brüssel, frei von der Rechtsprechung aus Straßburg, frei von den Zwängen zum Kompromiss mit 27 Nationen.“ Ist das nicht ein schönes Beispiel für das Elend mit der Europäischen Union, dass nicht mal ein erfahrener Journalist, der seine Meinung als Kommentar in der SZ hinterlassen kann, ihre Verfasstheit kapiert hat? Denn die Briten wollen aus der EU austreten, womit sie nicht mehr der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs mit Sitz in Luxemburg unterlägen. Mit „Rechtsprechung aus Straßburg“ kann von Herrn Kornelius nur jene des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gemeint sein. Der ist nun aber eine Institution des Europarats und nicht der Europäischen Union. Den Europarat gibt es, anders als die EU, schon seit 1949, und er hat derzeit nicht 28 Mitglieder sondern 47. Nicht damit verwechseln darf man den Europäischen Rat; das ist die Versammlung der Regierungschefinnen und -chefs der EU-Staaten. Aus dem Europarat austreten wollen die Briten bis jetzt nicht. Oder sie haben das bis jetzt nur dem Herrn Kornelius erzählt.

  

Es gibt ja viele schlampig ins Internet gesetzte Bilder, und natürlich kann im Stress mancher Fehler passieren, aber was der Mannheimer Morgen da am 10. Juni 2017 präsentiert…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ab Februar 2018 werde ich die SZ nur noch freitags und samstags im Briefkasten haben. Dieses „Wochenend-Abo“ hat man mir freundlicherweise zusammen mit einer Gutschrift über 140 Euro angeboten, nachdem ich mein SZ-Abonnement gekündigt hatte. Wenn ich schon jetzt dienstags keine Süddeutsche Zeitung mehr bekäme, hätte ich am 2. Januar 2018 nicht auf Seite 4 den Kommentar von Kristiana Ludwig lesen können, in dem sie schreibt: „Tatsächlich sollten Flüchtlinge deshalb öfter einen Arzt sehen. Allerdings einen Psychologen.“ Wahrscheinlich sind manche Flüchtlinge hinreichend qualifiziert, um zwischen einem Psychologen und einem Psychiater unterscheiden zu können. Um Kommentare in der SZ schreiben zu dürfen, reicht es freilich aus, eine Meinung zu haben. Ein großartiger Auftakt übrigens für Heribert Prantl, der ja bei dieser Ausgabe erstmals die Leitung des Meinungs-Ressorts innehatte.

 

 

Noch schöner als die politischen Kommentare sind natürlich immer die Berichte, mit denen uns Lesern und -innen die Hochkultur nahegebracht werden soll. Da gab es in der Kunsthalle Tübingen eine Ausstellung von Skulpturen mit dem Namen „Almost Alive", zu deren besserem Verständnis der Mannheimer Morgen am 25. August 2018 mitteilt: 

 

 

 

 

 

 

 

Wie wunderbar, dass es im „Mamo" immer noch die abgeschmackte Phrase vom „Menschen als Produkt der modernen Massengesellschaft“ gibt, aber dass der Autor es für erforderlich hält, „American Way of Life“ zu übersetzen, deutet ja auch auf 50-er-Jahre-Nostalgie. Vielleicht liegt darin ja die Zukunft der gedruckten Zeitungen: Die Bedürfnisse besonders nostalgischer Leser zu bedienen.